Via-Treff – wo betreuende Angehörige ein offenes Ohr finden
Einen betagten Menschen in die Obhut einer Alterseinrichtung zu geben, ist für betreuende Angehörige oft ein tiefer Einschnitt im eigenen Leben. Der Via-Treff im Haus Tabea bietet Angehörigen die Möglichkeit, sich in einem geschützten Rahmen über Belastendes auszutauschen.
Der Via-Treff wurde vor drei Jahren geschaffen als Angebot unseres ambulanten Tageszentrums für Alterspsychiatrie. Er wurde sehr geschätzt und aus diesem Grund auch nach der Schliessung des Tageszentrums beibehalten. Heute steht der Via-Treff allen Angehörigen von Bewohnenden vom Haus Tabea offen. Geleitet wird er von unserer Psychologin Brigitte Camenisch, die das Angebot im Folgenden näher vorstellt.
Brigitte, warum braucht es ein Angebot wie den Via-Treff?
Der Eintritt in eine Alterspflegeeinrichtung wird meist durch äussere Umstände erzwungen. Der Zeitpunkt kommt oft unerwartet, auch wenn die Absicht beim betagten Menschen und seiner Familie vielleicht schon länger bestand. Gründe dafür sind, dass sich der Gesundheitszustand des älteren Menschen plötzlich verschlechtert oder die Haupt-Betreuungsperson ausfällt. Insbesondere nahe Angehörige pflegen ihre betagten Familienangehörigen nämlich häufig so lange, bis sie physisch und psychisch am Limit sind. Solche Situationen sind dann für alle Beteiligten emotional schwierig. Der betagte Mensch fühlt sich alleingelassen, abgeschoben und reagiert nicht selten mit Verbitterung. Dies wiederum löst bei den Angehörigen Schuldgefühle aus und wird als persönliches Versagen empfunden. Beim Via-Treff können sich Angehörige in einem geschützten Rahmen austauschen. Das Teilen von belastenden Erfahrungen und den damit verbundenen Gefühlen kann unterstützend und sogar heilend wirken.
Wie läuft ein Via-Treff ab?
Wir bieten den Via-Treff zwei Mal jährlich an. Er findet immer abends ab 18 Uhr bei uns im Haus Tabea statt und dauert in der Regel etwa 1,5 Stunden. Wir bitten zwar um eine Anmeldung, aber selbstverständlich sind auch spontan Entschlossene willkommen. Meist sind wir eine Runde von 6 – 8 Teilnehmenden, die in unterschiedlichen Beziehungen zu den Tabea-Bewohnenden stehen. Es sind Ehepartner, Geschwister, Töchter oder Söhne und manchmal auch gute Bekannte mit Betreuungsfunktion dabei – also eine altersmässig sehr durchmischte Gruppe. Die Teilnehmenden haben die Möglichkeit, uns bei ihrer Anmeldung Themenwünsche und Anliegen mitzuteilen. Das Gespräch wird von mir moderiert. Ich achte natürlich darauf, dass die zuvor angemeldeten Themen zur Sprache kommen. Erfahrungsgemäss ergibt sich aber von selbst ein guter Austausch zwischen den Teilnehmenden, sodass ich das Gespräch weitgehend selbständig fliessen lassen kann. Ich beobachte, dass bei unseren Gesprächsrunden immer eine Atmosphäre des Vertrauens und gegenseitigen Respekts entsteht, obwohl sich der Teilnehmerkreis immer wieder anders zusammensetzt. Natürlich gilt immer die Regel, dass alles beim Via-Treff Gesagte nicht an Dritte weitergegeben werden darf.
Kannst du uns einen Einblick geben über das, was die Teilnehmenden beim Via-Treff zur Sprache bringen – natürlich ohne das Verschwiegenheitsprinzip zu verletzen?
Wie anfangs erwähnt, sorgt der Übertritt in die Alterseinrichtung und die damit verbundene Eingewöhnungsphase (für viele Emotionen bei den Angehörigen. Einerseits empfinden die meisten Erleichterung, weil sie die Verantwortung für die pflegebedürftige Person abgeben können. Andererseits müssen sie erfahren, dass ihnen anfänglich oft Skepsis, Frustration oder sogar Enttäuschung und Wut von Seiten der vorher betreuten Person entgegenschlägt. In dieser Situation tut der Austausch mit Menschen, die Ähnliches erleben, besonders gut. Die Angehörigen bestärken sich gegenseitig, dass Selbstfürsorge wichtig und richtig ist. Themen wie die eigene Abgrenzung, Schuldgefühle und Selbstzweifel sind oft Tabuthemen, die nicht einmal im Familienkreis angesprochen werden. Ich habe schon erlebt, dass zwei Schwestern erst anlässlich des Austauschs beim Via-Treff bemerkt haben, wie unterschiedlich sie mit dem Altersheimeintritt der Mutter umgehen. Während die eine fand, die Mutter habe sich gut eingelebt, plagten die andere Schuldgefühle, weil sie der Überzeugung war, die Mutter sei todunglücklich. Dieses Beispiel zeigt, wie wertvoll der Via-Treff ist. Hier werden Dinge thematisiert, die schambehaftet sind und deshalb oft unausgesprochen bleiben. Ein anderer Themenkomplex, um den es im Via-Treff oft geht, ist der Umgang und das Akzeptieren der körperlichen und/oder kognitiven Degeneration von geliebten Menschen. Auch das ist für Viele ein Tabuthema, weil sie ihm hilflos gegenüberstehen. Hier kann ich natürlich auch als Psychologin wertvolle Inputs geben.
Liebe Brigitte, zum Abschluss unseres Gesprächs bitte ich dich noch um einen «Werbeslogan» für den Via-Treff? Was macht ihn in deinen Augen besonders?
Ich vergleiche den Via-Treff gern mit einem Gewächshaus: Hier schaffen wir den Nährboden, damit die Pflanzen – sprich Angehörige von betagten Menschen – unter einem schützenden Dach zu neuen Kräften kommen und wieder aufblühen können.
Zur Person:

Brigitte Camenisch ist Psychologin und hat an der ZHAW in Zürich mit einem Master of Science ihr Studium abgeschlossen. Im Anschluss bildete sie sich am IEF, Institut für systemische Entwicklung und Fortbildung, Zürich, in Coaching und psychologischer Beratung weiter und schloss mit einem CAS in hypnosystemischem Coaching ab. Laufende Weiterbildungen u.a. mit Fokus auf Alterspsychiatrie und Trauerbegleitung gehören zu ihrem Portfolio dazu. Seit 2019 arbeitet sie Teilzeit in eigener Praxis in Zürich und gehört seit vier Jahren zum Team vom Haus Tabea.