Ein Tag im Leben von…

vom 02.07.2026

Nach einem beeindruckenden Berufsleben könnte er eigentlich den wohlverdienten Ruhestand geniessen. Doch er unterstützt mit grossem Engagement unsere Lernenden und gibt sein reiches Wissen aus 53 Berufsjahren in der Pflege weiter. In unserer Artikelserie begleiten wir heute

Willi, dipl. Pflegefachmann HF und Berufsbildner

Manchmal beginnt mein Tag bereits um 2 oder 3 Uhr morgens mit Zeitung lesen oder Vorkochen für das Abendessen. Diese frühen Morgenstunden sind für mich so etwas wie eine «Zeit-Insel», in der ich tun und lassen kann, was mir beliebt. Das brauche ich als Ausgleich, denn der Rest meines Tages ist eng durchgetaktet. Kurz vor 6 Uhr endet meine «Zeit-Insel» und ich mache mich auf den Weg ins Haus Tabea.

Zurück zu den Anfängen

Meine Anfänge im Haus Tabea reichen ins Jahr 2007 zurück. Damals sprang ich als Pflegedienstleiter zuerst für ein halbes Jahr ein, von März 2008 bis Ende 2013 trug ich dann definitiv die Hauptverantwortung für die Pflege. Es waren interessante, aber herausfordernde Jahre. Ich begleitete den Neubau von Haus C und die Sanierung der bestehenden Häuser A und B und entwickelte das Konzept für die heutige Abteilung für Menschen mit Demenz. Danach brauchte ich dringend Abstand und Veränderung. Ich kündigte und ging mit meinem Mann während acht Jahren auf Reisen. Als wir das Reisen aufgrund seines Gesundheitszustands aufgeben mussten, suchte ich nach einer passenden Beschäftigung und stieg im Jahr 2022 als Berufsbildner wieder im Tabea ein. Heute betreue ich in einem Pensum von 40 – 60 % unsere Lernenden. So bin ich im Pensionsalter eigentlich wieder zu meinen Wurzeln zurückgekehrt – nämlich zu meinem ursprünglich erlernten Beruf als Dipl. Pflegefachmann HF und zur Betreuung von Lernenden. Als ehemaliger Berufsschullehrer und Leiter der einstigen Berufsschule für Pflege in Männedorf kenne ich mich in der Ausbildung nämlich bestens aus.

Strenge, aber gut gemeinte Beobachtung

Meine Arbeitstage im Haus Tabea beginnen offiziell um 7 Uhr, wenn sich die Pflegenden zum Rapport im Stationszimmer treffen. Ich bin jedoch immer früher da und lese die eingegangenen Mails. Anschliessend schaue ich auf der Abteilung, welche Bewohnenden die oder der Lernende betreut. Nach dem Rapport lesen wir uns gemeinsam in die Pflegedokumentation ein. Dabei lege ich Wert darauf, dass die Lernenden auch die Diagnosen und die wichtigsten Medikamente der ihnen zugeteilten Bewohnenden kennen. Wenn ich eine Lernende frage, weshalb sie einer Bewohnerin Stützstrümpfe anzieht, möchte ich nicht nur hören «Weil sie Wasser in den Beinen hat.» Wenn die Lernende die Diagnose der Bewohnerin kennt, kann sie nämlich auch die Gründe für die Wassereinlagerungen erklären. Je nach zeitlichen Möglichkeiten schauen wir auch, ob die Bewohnerin zusätzlich noch ein Medikament bekommt, das hilft, das eingelagerte Wasser aus dem Körper zu bringen. Ich schaue dem oder der Lernenden während allen Verrichtungen «über die Schultern». Wenn ich Mängel bemerke, spreche ich diese sofort an. Kritik bringt direkt in der Situation am meisten. Vor allem zu Beginn der Lehre ermahne ich die jungen Leute zu einer gründlich ausgeführten Körperpflege. Aus Scham getrauen sie sich oft nicht an die intimen Körperstellen. Auch Ohrmuscheln oder Bauchnabel dürfen nicht vergessen werden. Genauso wichtig wie die Pflegepraxis ist die Kommunikation. Oft muss ich die Lernenden daran erinnern, in ganzen Sätzen sowie laut und deutlich mit den Bewohnenden zu reden. Ich bin mir bewusst, dass es für die Lernenden stressig sein kann, unter meiner ständigen Beobachtung zu stehen. Deshalb ziehe ich mich bei denjenigen im 1. Lehrjahr um etwa 11 Uhr zurück. Die Älteren begleite ich noch bis zum Nachmittagsrapport um 13.40 Uhr und beobachte, wie sie das Team des Spätdienstes informieren. Denn auch das muss gelernt sein. Die Lernenden müssen abschätzen können, welche Infos für die Kollegen relevant sind und dass auch scheinbar Nebensächliches wichtig sein kann. Bis etwa 15 Uhr stehe ich den Lernenden noch für Fragen zum Schulstoff zur Verfügung und ich schreibe oft ein kurzes Résumé über meine Beobachtungen an diesem Tag. Das ist ein persönlicher Service von mir, damit meine Hinweise nicht einfach verpuffen und ich drücke damit auch meine Wertschätzung den jungen Menschen gegenüber aus.

Pflegefachmann rund um die Uhr

Zuhause angekommen, kümmere ich mich um meinen betagten demenzkranken Ehemann. Der Unterschied zwischen meinem Alltag zuhause und im Haus Tabea ist also gar nicht so gross. Oft werde ich gefragt, weshalb ich mich in meinem Alter nicht aus dem Berufsleben zurückziehe. Ich antworte dann aus voller Überzeugung: «Weil es mir viel Freude macht und ich spüre, dass mein Einsatz geschätzt wird». Aber für mich steht auch fest, dass ich ganz zu Hause bleibe, sobald der Gesundheitszustand meines Mannes es erfordert.


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